Wo die Wachhunde besser lebten als die Gefangenen

Jahrgangsstufe 10 der IGS Schrenzerschule erkundet Gedenkstätte Buchenwald

Butzbach (pm). Das kann der beste Gesellschaftslehreunterricht nicht mit Texten, Bildern oder Filmen vermitteln, was eine Führung in einem ehemaligen „KZ“ schafft: Direkte Nähe zum Ort unfassbaren Geschehens während des Dritten Reiches…

Mehr als 80 Schülerinnen und Schüler machten sich am Mittwoch auf den Weg zur Gedenkstätte Buchenwald, um sich vor Ort über das zu informieren, was sie im Unterricht über den Zweiten Weltkrieg und die NS-Herrschaft erfahren und gelernt hatten und Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ zu können.

Unter Leitung von fach- und sachkundigen Guides begaben sich vier Gruppen auf eine Reise durch die Gedenkstätte Buchenwald und erfuhren dabei, dass die Wachhunde, sogenannte „Bluthunde“, im Lager ein sehr viel besseres Leben hatten, als die Gefangenen, die unter Mangelernährung litten und dennoch täglich mindestens zehn Stunden schuften mussten, nachdem sie schon früh morgens bis zu vier Stunden auf dem Appellplatz stramm gestanden hatten. Juden, Homosexuelle, Behinderte sowie Sinti und Roma mussten das Lager quasi selbst erbauen, in dem sie menschenunwürdig behandelt wurden und ebenso untergebracht waren: 50.000 Menschen teilten sich 66 Baracken! Das war für die interessierten Schüler nicht zu fassen. Sie konnten auch nicht nachvollziehen, dass einem reinen Männerlager doch so viele Frauen umgekommen sind, was ihnen dann aber so erklärt wurde, dass die Lagerleitung diese Frauen zwangsprostituiert haben. Sie dienten entweder zur Belohnung für besonders fleißige Gefangene oder sollten die Homosexuellen „umpolen“, damit diese ihre Weichheit ablegen sollten und zur harten Arbeit zu gebrauchen waren. Man hat damals sogar Versuche mit den „Andersartigen“ gemacht, ihnen künstliche „Hormondrüsen“ eingepflanzt.

Die „Blutstraße“, die zum Lager führt, wurde von den Gefangenen so genannt, weil diese mit bloßer Körperkraft zentnerschwere Steine aus einem Steinbruch in fast zwei Kilometern Entfernung ins Lager schleppen mussten und sich dabei erheblich verletzen und so teilweise blutüberströmt zurückkehrten. Wie sie in einem strammen Tempo arbeiten mussten, nannten sie den Transportweg innerhalb des Lagers den „Karachoweg“.

Die „Heil- und Pflegeanstalt“ war in Wirklichkeit ein Ort des Grauens: Hier wurde mit „unwertem Leben“ experimentiert. Man testete z.B. neue Medikamente an den Gefangenen aus, verteilte Überdosen und quälte die Menschen damit oft bis zum Tod.

Am Ende der Führung besuchten die Schüler das Krematorium, den für sie sichtbar erschreckensten Ort auf dem Gelände des Lagers. Kein Laut war zu hören, während die Jugendlichen ungläubig vor dem Ofen standen, dessen Türen offen stehen und man an deren Enge erkennen kann, dass nur die bloßen Körper der Gefangenen dort hineingeschoben wurden, für einen Sarg ist die Öffnung eines jeden Ofens zu klein. Als sie dann noch erfuhren, dass man teilweise noch lebende Menschen dort hinein geschoben hatte, war die Grenze der Belastbarkeit eigentlich schon erreicht. Doch der Weg führte weiter in den „Totenkeller“, in dem die Leichen gestapelt wurden, die dann mit einem großen Aufzug in die Ofenhalle transportiert wurden. War der Keller voll, legte man die Leichen hinter dem Krematorium auf dem Hof ab…

Niklas bekam auf seine Frage, wo sich denn die Gaskammern befänden die Antwort: „Die gab es in diesem Lager nicht. Hier hat man die Menschen psychisch fertig gemacht oder sie mussten sich zu Tode arbeiten. Man kann hier von gezielter Tötung sprechen.“

Nach der sehr interessanten Führung hatten Die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, sich das komplette Gelände des Lagers und die Ausstellungen anzuschauen, was sie auch gerne taten.

Während der Reflexion über die Exkursion am darauffolgenden Tag im Unterricht wurde abermals deutlich, wie betroffen die Jugendlichen waren: „Ich hatte Gänsehaut, als ich die Öfen gesehen habe.“, sagte Jasmin. „Und ich konnte in der Nacht kaum schlafen, weil ich nachdenken musste.“ Andere waren entsetzt darüber, dass in der nahegelegenen Stadt Weimar eingentlich jeder wusste, was oben auf der Höhe im „Buchenwald“ passierte, aber niemand etwas gesehen haben wollte. Mitwisser sind auch Mittäter.

Für die Klassenlehrerinnen und Lehrer Fr. Walpert, Fr. Voigt-Hilberger, Hr. Nungesser und Hr. Gerull sowie für die Schülerschaft steht fest: Ein solches Lager muss man einmal besuchen, auch wenn man danach die Verbrechen des Holocausts noch immer nicht verstehen kann.

Im Zeitraum von 1937 bis 1945 waren im Lager Buchenwald ca. 280.00 Menschen aus über 50 Nationen inhaftiert. Etwa 56.000 Menschen fanden dort den Tod.

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